9.9.2024. Der Herbst hat angefangen

In der ZEIT essayierte vorhin einer, man solle sich doch endlich abgewöhnen, schönes Wetter schön zu finden, weil der Planet und der Mensch darunter leide. Vielmehr solle man sich auf Kälte und Nässe freuen, weil das der Gesundheit, abgesehen von Grippewellen, doch so viel zuträglicher sei.

Ich weiß nicht, ist es Sonne oder Semantik: ich finde schönes Wetter schön. Mir graut schon vor der grauen Zeit mit ihren Laubbläsern.

Neu auf Netflix: “The Perfect Couple”

Altes Geld hat vor über 20 Jahren aus Liebe zukünftig erfolgreiche Bestseller-Autorin geheiratet und auf deren Seit-fünf-Generationen-im-Familien-Besitz-Neu-England-Anwesen in Nantucket findet heute die Generalprobe für die morgige Hochzeit des mittleren der drei Söhne statt. Die Sonne scheint, alle sind fröhlich, alle sind schön, der Schmuck teuer, aber schlicht, die Damen sehr schlank, aber gerade eben nicht mager, die Herren im Golf- und Seglerschick gut aussehend, die Rolexe dezent am Handgelenk, der Privatflugzeugplatz voll.

Zoomt man hinein, ist die Matriarchin (barbie-makellos im feinen Tuch: Nicole Kidman) nicht zufrieden mit der Zukünftigen ihres Sohnes (Billy Howle) und läßt es die junge Braut (Eve Hewson) konstant mit kleinen Nadelstichkommentaren spüren. Der Herr des Hauses (Liev Schreiber) ist sehr laid back, zieht eigentlich immer gerade an seinem Joint, und wenn er nicht begleitend noch ein Glas Hochprozentiges schlürft, dann schlägt er Bälle nach im Meer treibenden Möwen oder ist mit seinem Boot draußen. Die Söhne sind ausgesprochen sichtbar wohlstandverwahrlost; für den ältesten (Jack Reynor) m u s s JD Vance Pate gestanden haben und seine Frau (ganz wunderbar: Dakota Fanning) ist selbstverständlich sehr sicht- und vernehmbar schwanger mit dem nächsten Mitglied der Dynastie, aber hey, wer wird denn Häßliches denken oder gar sagen, es ist schönes Wetter, es gibt alles im Überfluss und jetzt ist gerade die beste Freundin und Brautjungfer (Meghann Fahy) endlich angekommen. Partytime!

Am nächsten Morgen treibt eine Leiche im seichten Ufer vor dem Landgut.

Die Geschichte ist nicht neu, natürlich nicht. In einem geschlossenen Raum (fahrender Zug, eingeschneite Berghütte, Insel etc.) wird eine*r der Anwesenden ermordet und es gilt nun herauszufinden whodunnit.

In den fünf folgenden Episoden greifen die Serienmacher tief in die Klischeekiste.

  • Odd-Couple Ermittler? Der schwarze lokale Insel-Sheriff, der regelmäßig die dicken Spendenschecks bekommt und dafür auch mal ein Auge zudrückt und die übermüdete und -gewichtige Plain-Clothes-Detetive-Lady vom Festland mit dem losen Maul, die sich im Laufe der Untersuchung kennen- und schätzenlernen? (Michael Beach und Donna Lynne Champlin) Haken dran.
  • Die Hausangestellte, die alles weiß. Irina Dubova hat man für dieses Rolle in ein gräßliches rosafarbenes Schürzenkostüm gesteckt und eine ganz schlimme Frisur gegeben. Man sollte meinen, dass so jemand in einem Raum auffällt. Aber nein, Gosia sieht alles und hält im Verhör mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg.

Überhaupt, diese gegengeschnittenen Verhörszenen. Ein Gedicht. Hier brillieren ganz besonders Tim Bagley und Isabell Adjani.

Habe mir gerade überlegt, dass ich nicht mehr über diese Mini-Serie erzählen will. Man sollte aus dem bisher geschriebenen ableiten können, dass ich sie unterhaltsam fand und die Plot-Twists überraschend genug, als dass ich dranbleiben wollte. Ich habe außerdem gelernt, dass es neben der MILF auch den DILF gibt und finde das im Rahmen zunehmender Gleichberechtigung mehr als angemessen.

Anschauen. Es soll heute Abend eh regnen…

Neu zum Strömen: “Bad Monkey”

Die ersten fünf Folgen der insgesamt zehn sind auf Apple+ (Probeabo) schon verfügbar und machen sehr großen Spaß und Lust auf mehr. Die Serie mit Vince Vaughn als ehemaliger-Detective-jetzt-degradierter-Lebensmittelkontrolleur basiert auf einem Buch von Carl Hiaasen und rechnet, wie alle dessen Bücher und Kolumnen, mit der Gier ab, mit der Florida und seine Natur Immobilienspekulanten, Versicherungsbetrügern, Politikern und anderen Kriminellen ausgeliefert wird. Hauptsache, die Kohle stimmt.

Das Genre nennt sich, wie ich jüngst gelernt habe, “Crimedy”, das heißt, der Tenor des zugrundeliegenden Buches ist perfekt in bewegte Bilder umgesetzt, Florida erstrahlt in Art Deco und wer sich gut bösartig und lustig und nicht dumpf unterhalten will, ist mit dieser Serie gut bedient.

Rentenratgeber

Wenn man sich in einer Zeit, in der Mädchen noch Handarbeitsunterricht hatten und die Buben streng getrennt vom anderen Geschlecht im Werkunterricht im Umgang mit, genau, Werkzeug unterwiesen wurden, wenn man sich also in meiner Jugend “verknöpfte”, dann hatte man mit dem falschen Knopf im falschen Loch angefangen und das Ergebnis war schief. So unter die Leute zu gehen war nicht zulässig, weil die sonst denken könnten, man käme aus einem schlechten Elternhaus und man mußte von vorne anfangen.

Heutzutage neigen junge Menschen dazu, in Projektmeetings Themen mit einander zu verknöpfen und knöpfen schon auch einmal gerne an ihren vorigen Gesprächspunkt an. Die Bemerkung der älteren Teilnehmerin, dass der Gang über ihre Teppiche wahrscheinlich schmerzhaft wäre, tun sie als wunderlich ab.

Zeit wirds.

Aus dem Onlinehandel

Hmmm. Die Entscheidung scheint so endgültig… Vielleicht sollte ich doch ein Ausrufezeichen nehmen? Oder ein Semicolon? Die sind gerade günstig.

Mittelhochdeutsche Lautverschiebung

Sie habe heute, klagt die Kollegin, Rücken. Es sei aber schon wieder erträglicher, schließlich habe sie daran gedacht, ihr Kirchgangsäckchen mitzubringen.

Nach mehreren Nachfragen stellt sich heraus, dass ich das Heilmittel viel prosaischer als Kirschkernkissen kenne. Werde aber ihre Nuschelvariante übernehmen. Ist hübscher.

Neu auf Amazon Prime: “Perfekt verpasst”

“Nett” sei die Produktion, so die empfehlende Freundin und “sehr sympathisch” möchte ich hinzufügen. Die 8 Folgen à 30 Minuten lassen sich an einem Abend wegbingen und so ist das wohl auch gedacht; auf mehrere Sessions heruntergebrochen wär’s nix.

Man sollte sich nicht täuschen: auch wenn “Romcom” draufsteht, handelt es sich bei “Perfekt verpasst” um ein Drama. Zwei Menschen in ihren frühen Fünfzigern (sehr kongenial und überhaupt kein bißchen slapstickig verkörpert von Anke Engelke und Bastian Pastewka) stehen vor den Scherben ihrer Existenz. Nicht der materiellen, die ist gesichert, beide führen Einzelhandelsgeschäfte in einer mittelgroßen Universitätsstadt, sind in ein soziales Netz eingebunden und von außen betrachtet erfolgreich. Aber. Beider Lebenspläne sind vor kurzem in Rauch aufgegangen. Puff. Weg. Die Ehe frisch geschieden, die Kinder fast aus dem Haus beim einen, der Traum, als Autorin erfolgreich zu sein und weiter eine unverbindliche Beziehung mit erfüllendem Sex mit einem guten Freund zu führen bei der anderen.

Mitleidig sieht man zu, wie sie strampeln, gut gemeinte (und trotzdem oft hochgradig verletzende) Ratschläge befolgen und/oder ignorieren – sie führen das falsche Leben im vermeintlich richtigen und hinter der fröhlichen Fassade sitzt ganz dicht der andauernde Katzenjammer, ach was, wirkliches Leid.

Man verstehe mich nicht falsch: die Serie ist keine Comedy, kann aber komisch. Engelke und Pastewka (und der ganze gute Cast um sie herum) beherrschen das Timing, sie verraten ihre Figuren nicht ein einziges Mal. Autoren und Regie haben einen guten Job gemacht, gerade wenn sie alles, was bei beiden schiefgehen konnte, parallel zeigen. Sehr hübsch.

Ich prophezeihe, dass wir dergleichen in Zukunft mehr sehen werden. Es ist ja nicht leicht, alt zu werden. Genausowenig wie alt zu sein. Und darum werden auch zunehmend Geschichten über Menschen, die ganz normal alt sind und damit klar kommen gezeigt werden – nicht die Ausnahmen wie der sexy Schwerenöter mit 70+ oder die verbrecherjagende alte Jungfer.

Denn: wir sind Boomer. Und wir sind Legion.

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Nachtrag für Frau S. aus D.: nein, mir ist das Ende nicht zu schnell gekommen. Es war einfach jetzt an der Zeit und für mich ein guter Schluss. Ich hoffe bloß, sie kleben keine 2. Staffel dran. Das wäre übel.