Gestern Abend in der Therese-Giehse-Halle: “Anna, Mascha und Julia – (K)ein Stück von Tschechow”

Ich hatte diesen Besuch der Jahrgangsinszenierung der Otto Falckenberg Schule an eine Freundin verschenkt und gestern war nun der dritte Anlauf, weil bei den ersten beiden Malen VERDI streikte und weder Publikum noch Schauspieler mit Öffentlichen Verkehrsmitteln ins Theater gekommen wären. Die Dreizahl gilt als gutes Omen und dem war auch so: die U-Bahn fuhr, als wäre sie nie bestreikt worden. Wenn jetzt auch noch die Inszenierung gut gewesen wäre, hätte es ein perfekter Abend werden können. Steht im Programmheft: Lizzy Timmers (Regie) ist Performerin und Regisseurin und war bis 2024 künstlerische Co-Leiterin am Theaterhaus Jena. Durch ihre Arbeitsweise schafft sie es, die individuellen Interessen und Fähigkeiten aus den Spielenden hervorzuholen und sie zu einer humorvollen und ansteckenden szenischen Reise zu verbinden.

“Ansteckend”. Aha. Dann schauen wir mal. Die Bühne ist ein silbrige Scheibe, aber, wie die Darsteller mehrfach während des Stücks bedauernd anmerken, keine Drehbühne, darüber ein großer dicker Mond, der später in unterschiedlichen Farben beleuchtet werden wird. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wegen der Symbolik, nämlich. Als Versatzstück gibt es noch einen Hocker, den man sich gelegentlich bei der Dame, die die Inszenierung auf der E-Gitarre begleitet, entleihen kann. Die junge Truppe hat sich vorgenommen, die Essenz des Werks Anton Tschechows zur Aufführung zu bringen, also der Stücke Kirschgarten, Möwe und Onkel Wanja sowie die Erzählung von der Dame mit dem Hündchen und dabei die Fragen zu klären: Was bedeutet es, zu schwach zu sein, um das Leben zu leben, von dem man träumt? Wie steht es um Abhängigkeiten, wie schafft man es loszugehen? Werde ich das richtige Leben gelebt haben? Ehrgeizig, aber schauen wir mal.

Als Rahmenhandlung werden der Dichter selbst (Luis Brunner, fad, fad und fad – der wäre, so wie sein Tschechow angelegt ist, selbst der durchschnittlichen Schwiegermutter zu langweilig) sowie seine sich für ihn, seine Karriere und seine Nachlaßverwaltung aufopfernde Schwester Mascha (Antonina Gruse) als quasi moderierende Erzähler etabliert und dann springen wir zu Onkel Wanja, der hier ohne Grund und ohne Erklärung eine Tante ist (Katharina Salzberger). In diesem, ich nenne es einmal in Ermangelung einer besseren Idee, Kapitel, besticht Anna Luster als immer nur zu kurz kommende und unerfüllt liebende Sonja. In einem kurzen Exkurs darf sie mit Stabpuppen spielen – leider reichen weder Zeit noch Beleuchtung, von den Figuren mehr zu erkennen als den Hulk und den Munch’schen Schreienden. Hätte eine hübsche Idee sein können, verläuft aber leider im Sande. Gegen Ende dieser Einheit kommt es zu einer Art Schlammcatchkampf zwischen Sonja und Mascha, bei dem der bemerkenswerte Satz fällt: “Ich bin dein Bison.” Darüber hinaus keine besonderen Vorkommnisse.

Nun sind wir bei der Möwe angekomme. In diesem Kapitel sollen, glaube ich, Sinn, Zweck und Bedeutung von Kunst verhandelt werden, weswegen die arme Samira Isa Benhane im feuerroten Overall einen eigenartigen Ausdruckstanz abhüpfen muß, zum zweiten Mal viel Trockeneisqualm auf die Bühne geblasen und schließlich die Möwe erschossen wird. Anschließend liegen Federn und Staniolpapierstreifchen (ja, damit sind Möwen traditionell gefüllt) auf der Bühne und es werden diese denkwürdigen Dialogzeilen aufgesagt: “Du bist meine Möwe!” – “Ich glaube, ich hab einen Vogel.” Dankenswerterweise trägt meine Begleiterin eine Armbanduhr. Hah, sieht gut aus, wir müßten schon weit über der Halbzeit sein. Pause gibt es keine.

Flugs zur Dame mit dem Hündchen, das, ich nehme an, weil es halt im Titel vorkommt, von einem der jungen Männer schnell vorgehechelt und eng an die Dame gepresst “gespielt” wird. Fürs Merkbuch habe ich aus dieser Sequenz folgenden tiefsinnigen Spruch notiert: “Wenn man nachts wach liegt, liegt es daran, dass man nicht schläft.”

Kirschgarten. Wir sind beim Kirschgarten angekommen, dem letzten Stück. Wieder habe ich meine helle Freude an Anna Lusters ruinierter aber rettungslos ignoranter Gutsbesitzerin Ljubow Andrejewna Ranjewskaja. Wie die ihre Figur auf dem Vulkan tanzen läßt… die kann was, die wollen wir uns merken! Als ihr Gegenspieler steht ihr Luca Lauris Leverenz (was ein Künstlername!) als neureicher Lopachin ebenbürtig gegenüber. Aber es geht auch hier nicht gut aus. Wie? Nein, dieses Mal kommt kein Vogel zu Schaden. Nur Bäume.

Dafür, dass die jungen Leute eigentlich am Ende ihrer Ausbildung stehen, ist bei einigen, vor allem bei den jungen Männern, doch noch viel Optimierungspotential. Arg viel, wie ich finde. Auch haben ihnen Regisseurin und Dramaturgin bei der Bearbeitung des Stücks keinen Gefallen getan. Man kann beim Publikum nicht die umfassende Kenntnis von Tschechows Œuvre voraussetzen, die diese Bühnenfassung verlangt. Menschen, die ins Theater gehen, um sich unterhalten zu lassen, haben ein Recht darauf, mehr an der Hand genommen zu werden, als es hier der Fall ist. Dafür lernt man doch die Schauspielerei – nicht erklären. Zeigen.

Aber immerhin habe ich gelernt, dass auf den Bühnen des Rußlands des ausgehenden Zarismus mehr Tee getrunken worden sein muß als in allen britischen Gesellschaftsdramen zusammen. Ist doch auch was.

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