Gelesen: Patrick Redden Keefe – “Say Nothing”

Es ärgert mich manchmal ziemlich, dass ich Zeitgeschichte zwar im Prinzip miterlebt haben könnte, aber eigentlich wenig bis nichts über eine Epoche weiß. Wie zum Beispiel den Nordirlandkonflikt (in englischem Englisch “The Troubles”), eine immerhin gut 30 Jahre umfassende Zeit von den späten Sechzigern bis zum sogenannten “Good Friday Agreement” 1998, in der alle Seiten, Katholiken, Protestanten, die britische Regierung, mit unfaßbarer Gewalt das vertraten, was sie für “ihr Recht” hielten. Ich kann mich aus meinen Kinder- und Jugendtagen an Nachrichten über Autobomben und IRA-“Terroristen” und Hungerstreiks und brutale Armeeeinsätze erinnern, die waren einfach immer da. Aber wer gegen wen und warum? Darüber wußte ich nicht wirklich was.

Jüngst wurde mir “Say Nothing” als DAS Standardwerk über diese Zeit empfohlen und nach einer Woche intensiver Lektüre bin ich nun klüger. Redden Keefe beschreibt sein Werk als ein “work of narrative non-fiction”. Das bedeutet, er hat mit einem Team von Recherche-Assistenten eine große Menge an Quellen zusammengetragen und studiert und erzählt nun in einem Fließtext von Menschen, die “verschwunden” wurden, jungen Leuten, deren Familienbiographie gar nichts anderes zuließ, als dass auch sie sich zu “Kämpferinnen und Kämpfern” in der IRA rekrutieren ließen oder sich gleich freiwillig verpflichteten, Familien und Nachbarschaften, die dieser Glaubenskrieg zerstört hat, einer Regierung Thatcher, deren Chefin Empathie und Gnade fremd waren, den Spätfolgen von Dauerkampf (keine Nacht im eigenen Bett) und Hungerstreik, wie lebenslange Eßstörungen, PTSD und den Regeln der Omertà: “Whatever you say… Say Nothing.” (Der Titel des Buches zitiert den Titel eines Gesangs des Dichters Seamus Heaney.)

Man muss sich bewußt sein, dass dies, obwohl intensiv recherchiert, kein Geschichtsbuch ist. Alles, was in einem solchen in den Fußnoten stünde, steht hier hinten im Anhang, auseinandergerissen. Das macht die akademische Lektüre etwas umständlicher, dafür aber das Lesen einfacher. Wer sich einläßt, lernt viel.

Lesen! Lesen! Lesen!

Mein Exemplar kann entliehen werden.

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