Der Millennial, ein Abgesang

Es habe, erzählt der alte Bezirksheimatpfleger aus der Oberpfalz, sich seit seinem Dienstantritt vor über 30 Jahren vieles verändert. In den Anfangsjahren zum Beispiel, hätten die Besucher seines Volkstanz- und Volksliedersingunterrichts (heutzutage “Seminar”) nicht nur immer in Mehrbettzimmern übernachtet, nein, sie hätten das auch selbstverständlich und gerne getan. Inzwischen bestehe jede/r auf Einzelzimmern. Ein Phänomen übrigens, das die einzige mir bekannte Fachfrau aus dem Hotelleriewesen, die Frau Wirtin aus Emmelshausen, so nur bestätigen kann. Man müsse sich, sagt sie, gar nicht wundern, dass die Preise für Handwerker so gestiegen seien. Selbst Männer auf Montage schliefen (schlüfen?) nur noch solo, was sie, gute Geschäftsfrau, die sie ist, auf der Rechnung als “Doppelzimmer zur Einzelbenutzung” ausweist und mir, Gast, der ich bin, mit einer leeren Matratze neben mir, nach jeder Nacht das Gefühl gibt, frisch verwitwet zu sein. Aber das nur am Rande. Wo war ich?

Ah ja, beim Bezirksheimatpfleger und seiner zweiten Beobachtung: d’Leit haben keine Zeit mehr. Sei man damals noch am Freitagnachmittag für ein Wochenende an- und am späten Sonntagnachmittag abgereist, träfen die Teilnehmer/innen nunmehr meist sehr gehetzt am Samstagvormittag ein und fragten häufig, ob das Mittagessen am Sonntag noch “zum Programm gehöre”. Sie verschwänden, wenn dies verneint wird, meist schon davor wieder – wohlgemerkt, für ein Hobby, eine Freizeitbeschäftigung.

Am auffälligsten sei, das viele nicht mehr zum Mitmachen kämen, sondern nur noch zum Dokumentieren. Man möge ihn nicht falsch verstehen, sagt er, die Filme, die oft schon am ersten Abend auf YouTube veröffentlicht würden, seien meist perfekt editiert und hübsch anzuschauen, aber der/die Filmende habe nicht einmal beim Zwiefachen mitgestampft oder auch nur ein Lied gesungen. Das verändere die Gruppen und ihren Ansatz zum Lernen, es wolle sich, angesichts der Dauerüberwachung, keine/r mehr bei einem Fehler ertappen lassen oder dabei, wie der ganze Chor so schräg singe, dass alle vor Lachen schier platzten.

In der guten alten Zeit haben man sich Wochen nach dem gemeinsamen Wochenende, wenn alle Filme und Dias entwickelt waren, noch einmal zum gemeinsamen anschauen und erinnern getroffen. Das sei ein Segen fürs Gemeinschaftsgefühl gewesen und Anfang des dritten Millenniums ganz und gar verschwunden. Er als Volkskundler wolle das “Früher” nicht romantisieren, aber diese Entwicklungen machten ihm schon Sorgen.

Recht hat er. Spätestens seit der Erfindung des Selfie-Sticks war alle Hoffnung verloren.

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