Klatsch ist gut fürs Betriebsklima

Das Silicon Valley ist ein ganz eigenartiger Mikrokosmos mit schlechter Infrastruktur, einer Auswahl an sehr unterschiedlichen Klimazonen sowie mehrheitlich zugereisten Menschen und eigenen Börsennachrichten. Wenn die Indizes in den Morgennachrichten verlesen werden, dann folgen auf Nasdaq, Dow und Nikkei die “Stocks from the Neighborhood”.

Am seltsamsten ist für mich immer der Umgang mit den hiesigen Größen. Vollkommen unbenommen davon, daß im wirklichen Leben die Chance auf ein persönliches Kennenlernen im verschwindend geringen Wahrscheinlichkeitsbereich liegt, ist man mit ihnen auf Vornamenbasis und tratscht und klatscht, als träfe man sie täglich am Wasserspender* und setzt bei seinem Mitklatscher den entsprechenden Kontext voraus.

Am allerseltsamsten war für mich heute die Erkenntnis: ich bin im Kontext. Wenn mir einer sagt, “Tim had a real Steve-Moment”, dann weiß ich, daß Tim Cook, der aktuelle Chef von Apple, bei der Präsentation neuer Produkte neulich irgendwas gemacht haben muß, das alle an den verblichenen Steve Jobs erinnert hat; möglicherweise Emotionen gezeigt oder einen schwarzen Rollkragenpullover – soooo genau will ich nun auch nicht wissen, was da los war in Cupertino**. Oder Marissa wieder, Mann, Mann, Mann. Marissa (Mayer, CEO von Yahoo) ist wieder irgendwem mit neuen Arbeitsvorschriften*** voll in die Privilegien getreten. Und Eric erst! Eric (Schmidt, Executive Chairman von Google) ist zum Burning Man**** in einem privaten sowieviele Achsen-Trailer mit sonnenenergiebetriebener Klimaanlage angereist und war zehn Tage am Stück totally stoned. Dagegen ist Zuck (Mark Zuckerberg, Gründer von Facebook) irgendwie fad. Er soll dem Vernehmen nach jetzt sogar wieder Fleisch essen, auch wenn er das Tier nicht selbst erlegt und ausgenommen hat. Alles nix gegen Sheryl. Aber hallo! Sheryl (Sandberg, CEO von Facebook) soll angeblich mit ihrem Job nicht ausgelastet sein und an ihrem nächsten Buch arbeiten. Das erste trägt den Titel “Lean in” und erklärt Frauen, wie sie beruflich Erfolg haben werden (viel arbeiten und besser sein als alle anderen hilft), fürs zweite empfehle ich “Lean out” (sei die Beste und rede viel darüber).

Jetzt hab ich soviel alten Klatsch erzählt und beinahe vergessen… wißt ihr eigentlich schon das neueste? Larry hört auf! Nein, Quatsch, doch nicht Larry Page. Der ist nach wie vor CEO von Google. Der andere Larry. Genau, Larry Ellison, Mitgründer und seit 37 Jahren der bisher einzige CEO von Oracle. Das ist doch schön, dann müssen seine Schifferl nicht mehr traurig vor der Firmenzentrale auf dem Trockenen liegen und er kann sich ganz dem Segelsport widmen. “Von wegen” sagt da mein CEO. Man müsse die Meldung schon ganz genau lesen. “Oracle’s Ellison steps aside” und nicht zurück. Ihm, sagt er, tun die vermeintlich nachfolgenden Co-CEOs jetzt schon leid; O-Ton: “Larry is Exec Chair and CTO which means he’s going back to getting his hands dirty. I feel for those people”.

Es ist aber auch wahr, worüber soll man hier schon reden? Politik? Geht nicht. Religion? Geht doppelt nicht. Wetter? Wetter geht. Ist aber auf Dauer langweilig, wg. Dürre. Warten wir halt, bis eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird und wir uns wieder heftig die Mäuler verreißen können – schließlich sprechen wir die Sau zwar mit Vornamen, kennen sie aber ganz sicher nie gut genug, um uns ihretwegen zu zanken.

 

* Fachbegriff: “water cooler gossip” – das ist hier das Äquivalent zur Kaffeeküchenklatsch in einem deutschen Konzern.

** In Cupertino, CA am Infinite Loop Nummer 1 steht der Apple Campus. Alles, was es sonst in diesem Ort noch geben mag, liegt in dessen sehr großen Schatten.

*** Marissa (wie ich sie auch nenne) hat letztes Jahr das WFH-Modell (Work From Home) für Yahoo-Mitarbeiter gebannt. Seitdem müssen die wieder alle ins Büro. Täglich. Für mehrere Stunden am Stück.

**** Man kolportiert hier die Geschichte, daß er den Job bei Google bloß bekommen hat, weil er als einziger von den Bewerbern schon mal beim Burning Man (s. https://flockblog.de/?p=24007) war und Sergey (Brin) und Larry (Page), die Google-Gründer, diesen Umstand für das entscheidende Einstellungskriterium hielten.

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