Neulich in Bonn: Haus der Geschichte (seit 2025 umgebaut und überarbeitet)

Das Museum fackelt nicht lang und stellt sich mit seinen Besuchern gleich auf den Duzfuß: “Du bist Teil der Geschichte”. Ich bin zwar älter, aber gut, dann soll das so sein, du Museum, du.

Meine liebe Kusine und ich drängeln uns an einem sonnigen Herbstsamstagnachmittag mit einer verblüffend großen und ausgesprochen heterogenen Besucherschar ins Haus und werden von einem der reizenden Museums-“Gastgeber” ins 4. Stockwerk geschickt. “Da oben ist der Krieg aus” – da fängt man als gelernte Pazifistin doch gerne an.

Das im Gegensatz zu früher stark erweiterte Medienangebot ist ganz eindeutig der Aufmerksamkeitsspanne der Generation TikTok geschuldet, man kann sehen, hören, Fensterchen aufmachen, Knöpfe drücken, an Reglern drehen, in eine Nissenhütte (Nachkriegsvariante der Aufblaszelte neuzeitlicher Flüchtlingswellen) klettern, der gelben Grundgesetzspur folgend in eine Stempelkarte in eigens dafür vorgesehenen Stempelautomaten (wie seinerzeit die Zeiterfassung in der Fabrik, geht’s deutscher?) die wesentlichen Grundrechte einstempeln lassen, in kleinen Miniparlamenten Staatsbürgertests absolvieren (alle mit 0 Fehlern bestanden) – und dann sind wir durch die Jahre 1945 bis 1949 durch und Land und Ausstellung sind geteilt. Eine rote Trennungslinie an Wänden und Böden trennt die unterschiedliche Entwicklung von BRD und DDR, trennt Dederon von Trevira, abstrakte Kunst von sozialistischem Realismus, die Puhdys von den Beatles, Jacobs Kaffee wunderbar von Kaffee-Mix (eine Mischkaffeesorte mit 49-prozentigem Ersatzkaffeeanteil).

Guter Punkt. Wir brauchen eine Pause und ja, Koffein. Gerne viel.

Das Museumscafé ist sehr nett und hat eine offensichtlich gut sortierte Bibliothek (unter anderem alle wesentlichen Tageszeitungen Europas), die jede und jeder nutzen und sich ohne Verzehrzwang in bequemen Möbeln und bei gutem Licht aufhalten kann. Der Eintritt zum Museum und allen Nebeneinrichtungen ist sowieso frei.

Es ist ja nicht so, dass man vieles nicht weiß – oder sogar schon miterlebt hätte, dennoch hat mich ein Abschnitt besonders beeindruckt: je älter die BRD wurde, desto wahrscheinlicher war es, dass ein ehemals in nationalsozialistische Verbrechen Verwickelter sich nach deren Aufdeckung nicht mehr im Amt halten konnte. (Pars pro toto: der NSDAP-Marinerichter und spätere Ministerpräsident Baden Württembergs, Hans Filbinger. Den erwähne ich, weil ich den Streit um den laut Rolf Hochhuth “furchtbaren Juristen” schon selbst miterlebt und in der Schülerzeitung darüber geschrieben habe.) Die DDR hingegen lag hinter dem sogenannten “antifaschistischen Schutzwall” (vulgo “Mauer”) und da ist diesen Tätern meist nichts passiert. Totgeschwiegen, weil halt nicht sein kann, was nicht sein darf.

Wir sind inzwischen reizüberflutet und müde und werden immer schneller, weil es doch noch sehr weit ist zum Ausgang.

Ich erinnere mich noch rasch an meine aufmüpfige Jugend und die vielen Demos und bastle mir hier aus Versatzteilen wieder Schilder, aber dann ist gut, mehr schaffen wir nicht.

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Ein sehr spannendes Museum. Unbedingt empfehlenswert. Aber man sollte sich auf ein, höchstens zwei Stockwerke konzentrieren – mehr ist auf einmal nicht aufzunehmen. Ich komme bestimmt noch mal wieder, für die Wiedervereinigung bis zum Heute. Ich verspreche auch, alle Knöpfe zu drücken, Tests zu machen und Fensterchen zu öffnen. Außerdem fehlt in meiner Stempelkarte noch die Lösung für “Alle Deutschen haben das Recht, sich zu ……………… .”*

Leider wird der ausführliche Ausstellungskatalog, den ich schon sehr gerne hätte, erst im Dezember fertig werden. Ist aber kein Problem, wie mir der eifrige Mitarbeiter im Museumsshop versichert: man brauche ihn nur anzurufen, dann bringen er oder seine Kollegen den nach Feierabend auf die Post und schicken ihn zu. Sehr gut. Hab ich mir gemerkt und werde darauf zurückkommen.

Vielleicht schaffe ich nächstes Mal sogar eine Sonderausstellung. Und wenn ich extra-nett frage, geht meine Kusine vielleicht wieder mit und kümmert sich um so Lästigkeiten wie Parkuhren und die Münchner Kusine rumzuchauffieren. Oder?

* Klar weiß ich Streberin die Antwort. Wers noch weiß, darf sich beim Bundesverfassungsgericht bewerben.

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