Vom Wald an die Küste (und schnell wieder weg)

Sonntagsfrühstück in Fortuna, es ist eigentlich erstaunlich, daß wir nach der Völlerei gestern Abend schon wieder etwas essen können. Wir beschließen, heute nicht rumzutrödeln, sondern zügig auf dem 101 Richtung Süden Strecke zu machen, und dann zwischen der Standish-Hickey Recreation Area und dem Drive Thru Tree Park auf den Highway Number 1 nach Westen zur Küste abzubiegen. Von wegen, zwischen dem Wegweiser “Avenue of the Giants – Next Exit” und der Entscheidung, uns die wunderbaren Riesen von Süden kommend im Morgenlicht noch einmal anzusehen, liegt grob geschätzt ein Wimpernschlag. Und wir tun gut daran: die Sonne hat den Nebel noch nicht ganz weggebrannt, Gottesfinger (wie meine Mutter das Phänomen nennt) weisen von schräg oben durch den dunklen Wald. Wir treffen Hase und Reh, Erdkugler (einen Mann, der einen riesigen Globus-Ballon vor sich herrollt) und Tramper. (Trampen heißt hierzulande hitchhiken. Der Begriff Tramp bedeutet Landstreicher und ist eher negativ besetzt.) Gut, daß wir uns noch einmal für die Baumroute entschieden haben. Das Licht ist schön. Sehr schön. Und der Duft, der von dem noch leicht feuchten Wald durch die weit geöffneten Fenster ins Auto strömt, ist überwältigend. Noch einmal tief eingeatmet und dann wirklich auf dem 101 weiter, der Küste zu.

Die Sonne gewinnt schnell an Kraft, die Temperatur steigt bis auf 104F, also gut 40°C. Wir fahren über ein Gebirgle und das Thermometer scheint kaputtgegangen zu sein; es ist doch nicht möglich, daß es mit jeder Meile nach Westen um 1 Grad Fahrenheit fällt, oder? Wenn wir Richtung Pazifik überhaupt etwas sehen, dann eine graue Wand und zunehmend dichtere Nebelschwaden im Wald um uns.  Und – Hoppala! Auf einmal stehen wir am Wasser, in einem fahlen trüben Licht bei 52F und legen ganz geschwind ein paar Extra-Layers Klamotten an (wie immer in Nordkalifornien gilt: Nicht ohne mein Hoodie!).

Brrrhhhh! Weiter. Wenn man etwas sehen könnte, wäre die Gegend sicher wunderschön. Pelikane fliegen zu unserer Freude ein paar Handbreit (und damit sichtbar) über dem Auto Formation. Weiter, entlang an der Felsküste, immer wieder unterbrochen von Sandstränden, alles in allen Loriot’schen Grauschattierungen. Bei Mendocino reißt es uns: da vorne am Strand sind doch welche im Wasser? Wir glauben noch, daß das auf wärmere Temperaturen schließen läßt, sind aber nach unserem Picknick an eben diesem Strand sicher, daß es sich um die bis dato wenig bekannten nordkalifornischen Amphibienmenschen gehandelt haben muß. WIR tragen ja zum Reste-Essen Hoodies.

Nix wie weg von dieser bleichen Küste, auf die 128, Richtung Cloverdale. Keine zwei Meilen weiter im Inland lacht die Sonne, als wäre nichts gewesen und das Thermometer steigt wieder auf über 100F. So geht’s doch auch. Da! Das erste Weinfeld und dann noch eines, und dann viele. Eine Winery an der nächsten lädt zum Wine Tasting, aber wir haben noch ein Stück Weges vor uns und zum Weintrinken ist es eigentlich auch zu heiß. Dann doch lieber nach Santa Rosa, einer unserer Lieblingsstädte hier in der Gegend, auf einen schönen kalten Thai Iced Tea.

Nach unserem Päuschen ist der 101 voll geworden, wir fragen uns ernstlich, wo die auf einmal alle herkommen. Wir stehen uns stetig vorwärts bis an die Golden Gate Bridge, über die die Abendnebel hereinziehen. Weder Christoph noch ich haben die Brücke je von oben im Nebel gesehen (von unten erst am Freitag, das war aber nicht sehr photogen) – das ist doch DIE Chance. Zum alleröbersten Aussichtspunkt fahren wir allerdings gar nicht mehr, weil der Nebel so dermaßen schnell hereingeflossen kommt, daß er einen Pfeiler bereits verschluckt hat. Die San Franziskaner Skyline ist von unserem mittelhohen Vista Point schon nicht mehr sichtbar und gerade verschwindet das letzte Zipfelchen von Alcatraz. Wir probieren es einen Aussichtsparkplatz weiter unten noch einmal und Christoph gelingen ein paar sensationelle Photos.

Übrigens, geplant hatten wir ursprünglich einen Trip zur Lost Coast (liegt versteckt und einsam am Ende einer long long windy road irgendwo hinter Ferndale) – aber wieder einmal festgestellt, daß der Pazifik im Sommer einfach kein Ausflugsziel ist. Da gehen wir doch lieber in den Wald und heben uns das Küstefinden für den Herbst oder noch besser für den Winter auf.

PS: Mir gings auf dem ganzen Trip saugut: ich war nämlich Beifahrerin, und nur zuständig für leichte Navigation, Rumschauen, Schilder vorlesen und das Anreichen von Pfefferminz und Wasserflasche. Großer Luxus! DANKE, Christoph.

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