Knusper, knusper, KnÀuschen

Das Ă€rmste Opfer dieses luftfeuchten Sommers (wobei mir allein diese Bezeichnung fĂŒr diese Scheußlichjahreszeit schon schwer aus der Tastatur kommt), das Ă€rmste Geschöpf also unter diesen tiefhĂ€ngenden Himmeln ist die gemeine Breze. Kaum ist sie aus der Auslage der guten BĂ€ckerin in die TĂŒte gekommen, schwitzt sie sich und ihre Grobsalzgarnitur schon dermaßen in einen quatschig-matschigen Aggregatszustand, dass man eigens dafĂŒr einen erfinden mĂŒĂŸte.

Dazu ein Trauerchor: “Laßt uns froh-ho uhund knusprig sein…”

O tempora, o mores!

FrĂŒher, als die Chefredaktion der ZEIT noch aus Marion GrĂ€fin Dönhoff und ihrem Nachfolger Theo Sommer bestand, die dem BĂŒrgertum, das sich nicht den Schwarzen oder Restbraunen zuordnete, eine kulturelle und politische HeimstĂ€tte und Richtschnur gaben, da hat man sich (so waren auch damals die Zeiten), wenn auch ungern, schon ĂŒber Werbung mit finanziert. FĂŒr Rotwein. Oder mehrbĂ€ndige Klassiker in Schweinsleder. Vielleicht auch einmal eine Bildungsreise. Oder, ganz ausnahmsweise, anstĂ€ndige Kleidung.

Sowas?

Niemals!

Die Zielgruppe fĂŒr dergleichen hĂ€tte man seinerzeit noch nicht einmal in den Stallungen beschĂ€ftigt.

Schon lang nimmer im Kino: “The Favourite”

Wo grade die Föjetongs rauf und runter sich vor Begeisterung ĂŒber den Regisseur Yorgos Lanthimos nicht mehr einkriegen, wollte ich doch einmal nachschauen, wie ich das “FrĂŒhwerk” heute so finde, wo wir alle ein paar Jahre Ă€lter geworden sind. Ist die Inhaltsbeschreibung des Übersetzungsdeppen der IMDB am End schon ein Zeichen?

Im frĂŒhen 18. Jahrhundert England, eine zerbrechliche Königin Anne nimmt den Thron und ihr enger Freund, Lady Sarah, regelt das Land in ihrer Stelle. Kommt ein neuer Diener, Abigail, ihrem Charme beliebt macht sie Sarah.

Quatsch. NatĂŒrlich nicht. Der Zickenkrieg in historischen KostĂŒmen ist noch genau so gut wie damals. Olivia Colmans ĂŒberverwöhnte Queen Anne, in einer Daueroszillation von himmelhochjauchzend und zu Tode betrĂŒbt ist zum Niederknien und alle Preise inklusive des Oscar fĂŒr ihr Spiel hochverdient. So gut sie als Queen ist, ich gebe zu, dass ich immer noch hingerissen wĂ€re, wenn sie mir nur seitenweise Meiers aus dem Telefonbuch vorlĂ€se. Frau Colman hat einen Dauerplatz in meinem persönlichen Olymp. Mit Emma Stone und Rachel Weisz hat man ihr ebenbĂŒrtige Co-Darstellerinnen besetzt; die paar MĂ€nnerrollen sind schmĂŒckendes Beiwerk und dass sie glauben, dass das Patriarchat herrsche, ist die hohe Kunst all dieser Frauen…

Sehr schön das alles. Ob man nur bei “echtem” und nicht bei Scheinwerferlicht drehen muss? Och. Man sieht halt nicht alles so ganz gut, wie man gerne tĂ€te. Aber das ist wohl Kunst und stört auch nicht wirklich.

Wer Zeit findet: anschauen! Anschauen! Anschauen!

Gestern Abend im GĂ€rtnerplatztheater: “Oh Oh Amelio”

Ja. Ich. In einer Operette. Also Musiktheater, wo wir doch so ein schwieriges VerhĂ€ltnis miteinander haben. Aber, der Herr Pigor hat geschrieben und die Frau RothmĂŒller hat inszeniert und außerdem hatte der Herr E. grade so geschickt Geburtstag, dass im FrĂŒhling schon die Karten fĂŒr eine JuliauffĂŒhrung geschenkt werden konnten. Es gab also keinen Grund, es nicht wieder einmal zu probieren.

Wir saßen quasi vor der ersten Reihe, an einem Tischchen mit Pikkolöchen und NĂŒĂŸchen (ja, nun ist wieder genug Diminutiv, aber die mussten sein) und wurden informiert, dass man nun “Unterhaltung und sonst nix” zeigen werde. Dies von einem Neun-Personen-Ensemble, das ganz wunderbar großartig singen und tanzen kann, aber außerdem auch spielen, eine Neigung zum Unsinn sowie zur Selbstironie hat und ein GedĂ€chtnis fĂŒr Choreographien. Die Kritik wurde von den Autoren des Programmheftes weiß auf pink bereits vorfurmuliert – det Janze ist eine “Frivole Fummel Farce”.

Wie in der als Inspiration (und Vorlage) dienenden Boulevard-Komödie von Feydeau spielt man nun BĂ€umchen-wechsle-dich, klingeln immer zur unpassendsten Zeit die unpassendsten Protagonisten, ist nichts, was es zu sein scheint. Schon gar nicht die Tanzschlampe Amelio/Amelia (von TschĂŒssikowski, soviel Schlimmkalauername muss sein), herrlich besetzt mit Christian Schleinzer, die/der es mit der Treue zum Liebsten Etienne (Armin Kahl) nicht so ganz genau hĂ€lt. Weil er aber auch so labil ist. Julia Sturzlbaums Marika ist eine helle Sing- und Tanzfreude und eine liebreizende und sehr unfreiwillige Braut (sie kommt aus der Nummer aber wieder raus), ihre Tante aus Dingsbums hĂ€tte mit niemandem besser besetzt sein können als mit Dagmar Hellberg. Hut ab, vor dem Klingelton und der Handtaschenschwenknummer im ganz besonderen.

Thomas “Mrs. Doubtfire” Pigor als Schwulenmama aus Nordbayern (“kannst ruhig Franken sagen, Mama. Das sind MĂŒnchner, die kennen das.”) hat erkennbar Spaß an seiner Figur und spricht solchermaßen fließend breitestes FrĂ€nkisch, das man meinen könnte, er kĂ€me daher. (Tut er.) Außerdem a sehr schöne Leich. Den Dadort hĂ€tte ich gerne gesehen. Alexander “Das Krokodil” Franzen und Frances Lucey spielen die Bösen, einen Besetzungscouch-Filmproduzenten und seine ihm Frischfleisch zufĂŒhrende Assistentin. Das machen sie sehr sehr schön. Last but not least, in einigen kleinen Rollen und dann als Oberhaupt einer orthodoxen Kirchengemeinde (da ist es dann mit den KostĂŒmbildnern vollends durchgegangen), weil ja wegen des Erbes eine Hochzeit vorgetĂ€uscht werden muss (nicht fragen, ist Boulevard), Peter Neustifter – mit einer Wahnsinnsstimme.

Und so singen und springen und tanzen sie und Pigor findet ganz zauberhafte Reime auf Begriffe, die bis dato nicht direkt poesieverdĂ€chtig sind (pars pro toto sei die “Privatinsolvenz” genannt) und das Verwirrspiel nimmt seinen Lauf und irgendwann ist alles aufgeklĂ€rt und das StĂŒck ist aus.

Wer mitgezĂ€hlt hat, dem mĂŒĂŸte aufgefallen sein, dass noch eine fehlt. Laura Schneiderhan, als Marikas Mitbewohner- und trinkerin. Die habe ich mir Leckerbissen bis zum Schluß aufgehoben. Eine Woche vor der Premiere eingesprungen und gar so herzig in ihrer Schussligkeit. Jetzt noch das tolle Orchester loben und dann habe ich alle.

Das StĂŒck? Eine “Frivole Fummel Farce”, Unterhaltung und sonst nix. Sie haben sich einfach einen Jux gemacht – das Publikum fands super und war mit Begeisterung und anhaltendem Schlussapplaus dabei.

Ich werde trotzdem kein Fan von Musiktheater mehr… It’s me. Not you!

Nimmer ganz neu im Kino: “Furiosa: A Mad Max Saga”

Ja. Hmmm. Ich wollte den Film mögen, weil ich Charlize Theron als Furiosa sehr gemocht habe. Nachfolgerin Anya Taylor-Joy fehlt deren Ausstrahlung, auch wenn sie sich ganz offensichtlich (und viel zu sichtbar) viel MĂŒhe gibt fĂŒr die Rolle als starke Frau in einer irren MĂ€nnerwelt. Da ist Alyla Browne, die sie als Kind spielt, ein ganz anderes Kaliber. Aus der wird nochmal was, die merken wir uns.

Thor Hemsworth suhlt sich mit großem Spaß in seinem ĂŒber-ausstralischen bart- und langhaarĂŒberwucherten CapetrĂ€ger Dementus (was gut, dass er das schon hinreichend geĂŒbt hat) und die Ausstattung bekommt ein Sonderlob fĂŒr sein Motorradkampfwagengespann – sehr sehr hĂŒbsch. Ansonsten viel dumpfe Gewalt, gerne auch gegen starke Frauen, brĂŒllende Motoren, ein ganz allerliebster trojanischer Tanklaster, großartige WĂŒstenaufnahmen, eine keusche kurze Liebe (Hektor lĂ€ĂŸt grĂŒĂŸen – wie ĂŒberhaupt der Troja-Mythos fröhliche UrstĂ€nd feiert), verrĂŒckte Vehikel aller Arten und GrĂ¶ĂŸen und dann ist es auch schon aus und war zwar in Teilen unterhaltsam, im ganzen aber nix besonderes.

Gelesen: Zack Kaplan (Author), Andrea Mutti (Artist) – “Port of Earth” (Vol. 1 – 3)

Das ist mal gelungene Science Fiction. Hut ab!

Aliens sind auf der Erde gelandet. Sie sind weder feindlich noch freundlich, das jĂŒngst eingetroffenen Konsortium braucht eigentlich nur eine RaststĂ€tte fĂŒr intergalaktisches Reisen. (Der Kraftstoff ist Wasser, und die Entnahme aus den Weltmeeren kaum bemerkbar.) Dazu noch jemanden, der diesen “Port of Earth” flugs im Austausch gegen exklusiven Zugang zu fortgeschrittene Alien-Technologien aufbaut. Eine schnell geformte Erdorganisation, bestehend Exxon, Haliburton, Boeing, Tesla steht parat und kann sich vor Profit nicht mehr retten. Der Rest der Welt verliert. Alles. Ihre Jobs sind ĂŒberflĂŒssig geworden, ohne Einkommen kein Essen auf dem Tisch, kein Dach ĂŒber dem Kopf – graue Massen formieren sich zum Widerstand. Nicht zuletzt, weil durchreisende Aliens immer wieder die Regel brechen, den Hafen auf keinen Fall zu verlassen, und es es jedes Mal zu massiven Zerstörungen mit vielen Todesopfern kommt.

Als Reaktion wird eine hochmilitarisierte Erdpolizei gegrĂŒndet, deren mit Konsortiumstechnologie ausgestattete Waffen von diesem immer erst dann freigeschaltet werden, wenn die Fremden als “nicht provoziert” feindselig erkannt werden. Da das schlecht fĂŒrs GeschĂ€ft ist, passiert das eher weniger oft.

Zack Kaplan greift zu einem uralten ErzĂ€hlertrick und vermittelt seiner Leserschaft Informationen, indem er in den ersten beiden BĂ€nden eine knallharte Anchorwoman den Vorsitzenden der Erdorganisation interviewen lĂ€ĂŸt und dann im letzten den Ober-Alien, der aussieht wie seine eigene Karikatur. GrĂŒn, riesige schwarze pupillenlose Augen im kahlen schĂ€delförmigen Kopf. Dazwischen geschnitten Andrea Muttis ĂŒberzeugende dĂŒstere Bilder. Das Ganze darf, wie hĂ€ufig bei guter Science Fiction, durchaus auch als kritischer Blick auf die Gegenwart gelesen werden.

Wer sonst eher nicht zur Graphic Novel neigt, sollte mit dieser einen Versuch unternehmen. Es lohnt.

SchĂŒsse auf Trump

Dass Bericht erstattet wird, ist richtig. Dass in der Spiegel-Online-Redaktion keiner auch nur einen Blick auf die Werbung wirft, ist bestenfalls fraglich:

In diesem ersten Teil der Artikels wird ĂŒber den Hergang berichtet, und wie sich Secret Service-Agenten ĂŒber 45 werfen, um ihn abzuschirmen. Dazu ein BigMac?

2. Teil, nochmal die SchĂŒsse. Ein blutendes Ohr. Superpassendes Bild. (Aus einer Werbung fĂŒr HörgerĂ€te.)

Von Pool zu Port

Gestern zu einer Poolparty (“Bring Badesachen mit”) in den weitlĂ€ufigen Garten von Freunden eingeladen gewesen. Stattdessen den Carport vor dem Haus partytauglich mit BierbĂ€nken, Grill und Buffet eingerichtet vorgefunden. Selten ein so lustiges Fest erlebt, vor allem die spontanen Tanz-und Gesangseinlagen im steigenden Wasserpegel angesichts eines Höllenunwetters sehr zu schĂ€tzen gewußt.

Danke, Ihr Lieben, schee wars! Auf die Heimfahrt im WaschkĂŒchennebel auf hagelglatten Straßen hĂ€tte ich zwar verzichten können, aber hey: Grund genug, meinen lebenslangen Neid auf Menschen mit Sommergeburtstagen und Garantie zum Draußenfeiern noch einmal zu ĂŒberdenken. In diesem Sommer haben sie es auch nicht leicht.

Anmerkung: Vorerst letzter Wetter-blogpost. Hilft ja nix.